Heilige Einfalt
Olivier Roy wird auch in seinem zweiten Buch über die Wechselwirkungen von Staat und Religion nicht deutlich. Beschränkte sich “La laïcité face à l’Islam” noch auf Frankreich und den Islam, versucht “Heilige Einfalt” den globalen Bogen über alle Religionen und die Kulturen zu schlagen. Roy meint, die Wiederkehr des Religiösen sei eine Folge der Trennung der Religion von ihrer “passenden” Kultur, der Globalisierung der Religionen. Indem der Staat säkularisiert, provoziert er Gegenreaktionen der Gläubigen, die sich in fundamentalistischen Sekten bündeln. Roy versucht das zwar lang und breit am christlichen Glauben und dessen Mission zu begründen, aber er zielt auf den Islam, auch wenn er um den heißen Brei schleicht.
Sicher kann man den Protestantismus als Folge der Heidnisierung des Christentums erklären, aber wie ist das vergleichbar mit der Abgrenzung des fundamentalistischen Islams von der westlichen Kultur? Es ist ja nicht so, dass sich der Islam spaltet (das hat er schon mehrfach hinter sich), oder von den Staaten abgrenzt, in denen er zur Kultur gehört, sondern die Abgrenzung erfolgt gegen eine Kultur, die nie islamisch war. Das mit einer Globalisierung der Religionen erklären zu wollen ist schwach. Religionen waren immer global ausgerichtet, aber nicht alle haben Missionseifer. Wenn z.B. Roy das Judentum in diesen Globalisierungstopf wirft, dann begeht er einen Fehler. Nicht alle monotheistischen Religionen sind Weltreligionen und nicht alle Weltreligionen wollen missionieren. Diese fehlende Unterscheidung ist m.E. ein Schwachpunkt in seiner Argumentation.
Vielleicht hat Roy das bewußt nicht so herausgearbeitet, um nicht aus dem “Clash of Civilizations”, oder besser Kampf der Kulturen, einen Kampf der Religionen zu machen, denn welche Konsequenzen aus dieser sektiererischen Abgrenzung der einfältigen Heiligen zu ziehen sind, darauf bleibt das Buch eine Antwort schuldig. Roy hält eine Antwort wahrscheinlich für überflüssig, denn er versucht zu belegen, dass solche religiösen Bewegungen historisch betrachtet bald im Sande verlaufen.
Das Buch ist dennoch lesenswert, wenn auch streckenweise schwer zu lesen, denn es bringt eine schlüssige Erklärung für den wachsenden religiösen Eifer nicht nur der Muslime, sondern derjenigen, die es noch werden wollen, ohne es zu wissen. Es sind junge Menschen auf der Suche nach ihrer Identität, die sich in einer von Religion befreiten Gesellschaft nicht zurecht finden. Auch Roy geht davon aus, dass diesen Menschen die fundamentalistische Religion nicht helfen wird, weil sie sich nicht nur von der Gesellschaft löst, sondern auch von der Kultur, jedenfalls in Europa. Der von heiliger Einfalt Ergriffene wird “rein” im Sinne seiner Religion, aber die Leere, die, wie er glaubt, seine Kultur bei ihm hinterlassen hat, wird nur ausgefüllt vom Gefühl dazu zu gehören.

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