Ein unüblich Verdächtiger

Wie immer bei Flugzeugabstürzen schießen die Spekulationen ins Kraut, solange noch kein offizieller Bericht vorliegt. So auch im Fall der vor Islamabad abgestürzten AirBlue-Maschine. Hier kommt erschwerend hinzu, dass die Blackbox noch nicht gefunden werden konnte, obwohl sie in den Margalla-Bergen rumpiepsen muss. Aber Islamabad erlebt zurzeit wirklich heftige Monsunregen, die schon fast 1000 Menschen das Leben gekostet haben, da wird es wirklich sehr schwierig sein, das Teil zu finden. Also will ich mich einmal an den Spekulationen beteiligen, natürlich nur als Sim-Flieger. Fest steht schon jetzt, dass der Pilot im letzten Funkverkehr mit dem Tower (ATC) gesagt hat, er sehe die Margalla-Berge, vor denen ATC gewarnt hatte. Im Funkspruch unmittelbar davor sagt der Pilot, er sehe die Landebahn. Beides zusammen geht angesichts der Sichtweiten zum Zeitpunkt des Unglücks nicht. Das Ende der Landebahn liegt von der Absturzstelle etwas über 13 km entfernt. Die Margalla-Berge beginnen einen Kilometer vorher, was einem Abstand von 12 km zwischen beiden Sichtpunkten gleichkäme. Wenn man zwischen beiden Punkten ist und beide sehen will, dann muss die Sichtweite also mindestens 6 km betragen. Die Sichtweite betrug aber nur 2000 Meter, unterhalb der Wolkengrenze und die betrug 1000 Fuß. Die Maschine war beim circle to land aber höher, d.h. voll in den Wolken. Das sind soweit noch keine Spekulationen. Dass der Pilot keinen von beiden Punkten (Landebahn und Margalla) gesehen hat, das ist nun Spekulation, die aber zu 99% der Tatsache entsprechen dürfte. Aber warum hat er nix gesehen? Er war abgetaucht, zusammen mit seinem Co-Pilot hing er über dem Bordcomputer des Airbus 321, um die Daten neu einzugeben. Warum neue Daten? Weil der Map Shift die alten Daten gelöscht hat. Jetzt wird es wirklich spekulativ.

Ich verstehe es selbst nicht so ganz, obwohl es mir sogar auf dem Flight-Simulator schon passiert ist, aber Berufspiloten sagen, dass sei bei alten Airbus-Maschinen in der Realität ein Problem gewesen. Islamabad ist ein Paradebeispiel für die Situation, in der eine solche Kartenlöschung passieren kann.

Nehmen wir an, Sie wollen in Islamabad landen und Runway 30 nutzen, denn die hat ILS. Dann hat der Computer die Daten für den Landeanflug, könnte die Maschine theoretisch von allein landen. Nun sagt Ihnen der Tower, Sie müssen RWY 12 nehmen. Das ist die entgegengesetzte Richtung. Die Nummern der Landebahnen sind nicht willkürlich, sondern entsprechen gerundet um eine Stelle gekürzt der Gradzahl der Richtung einer Landebahn. RWY 30 zeigt also auf dem Kompass in Richtung 300° und in entgegengesetzter Richtung auf 120°, heißt daher RWY 12.

Diese Symmetrie kann man sich zunutze machen, wenn man in einer solchen Situation die Landerichtung “umkehren” muss. Man fliegt RWY 30 an, hat vom ILS die Daten, macht sein circle to land und fliegt diese “Daten rückwärts runter”. Ich hoffe, Sie verstehen, wie ich das meine. Aber während des Fluges nimmt der Computer weiter Daten auf, die ihm vom Boden automatisch übermittelt werden. Dazu gehört auch vom VOR die Erkenntnis “missed approach”. Weil der Computer meint, der Landeanflug sei verfehlt, löscht er die bisherigen Daten und die Piloten haben auf dem Bildschirm nur noch die datenfreie Landebahn, können also nicht mit den Daten des Anflugs auf RWY 30 und einer Stoppuhr “rückwärts” den sicheren Anflug auf RWY 12 versuchen. Sie müssen die Daten von Hand wieder in den Computer eingeben, wenn sie sich auf diesen verlassen wollen und das circle to land nicht “von Hand” versuchen wollen, wie in den Tagen der Flugvorväter.

Der Pilot von Flug EB202 müsste das eigentlich können, war er doch 64 Jahre alt. Aber er sollte auch gute Augen haben und wenn er bei diesen Wetterbedingungen durchgegeben hat, er sehe Landebahn und Margalla, dann war er entweder ein lebendes Schlechtwetterradar (circle to land muss auf Sicht geflogen werden), oder er hat gelogen. Da er mit Sicherheit kein lebendes Radar war, hat er nix gesehen. Er war weit ab von der circle to land procedure und wollte einfach nur seine Ruhe, um die Landedaten neu einzugeben.

Ich habe keine Ahnung, wie lange man am Bordcomputer in der Mittelkonsole eines Airbus rumfummeln muss, um in einer solchen Situation die Daten neu einzugeben. Ich brauche dazu in der Simulation mehr als zwei Minuten. Ich habe aber auch keinen Co-Piloten. Aber Airblue hatte auch keine zwei Minuten.

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Geschrieben von Labersack am 30.07.2010, 21:56 in Umwelt |

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